| MEX. Sealand - Anarchy in the UK. |
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TEXT. > MEX 03/2005. [15.09.2005]
Sealand
Anarchy in the UK.
[Erschienen im MEX Musenalp Express 03/2005]
Wie aus dem Nichts taucht sie plötzlich auf, 10 Kilometer vor der Küste von Suffolk, England. Erst schemenhaft, wie ein schwarzer Koloss im ewigen Nebel der rauen und stürmischen Nordsee, schließlich immer deutlicher und klarer. "Sealand" steht in milchweißen Lettern auf der rostbraunen Plattform, die sich auf zwei gigantischen, meterhohen Betonsäulen aus dem Meer erhebt. Oben, auf der Plattform, die Überreste einer gewaltigen Luftabwehrkanone und ein heruntergekommener schwarzer Blechbunker mit einer Hand voll Fenstern. Eines ist erleuchtet. Welcome to Sealand.
Ryan Lackey sieht in etwa so aus, wie das fleischgewordene Klischee eines New-Economy-Computerfreaks: Bleich, etwas übergewichtig, unter den im Tageslicht meist zusammengekniffenen Augen gräuliche Ringe, die von zahllosen Nächten vor flackernden PC-Bildschirmen erzählen. "Geh doch mal raus, an die Sonne", möchte man Lackey zurufen, der mit seinen 26 Jahren aussieht, als wäre er nie richtig erwachsen geworden. In der wilden Welt des WWW nennt man ihn einen Cypherpunk, einen Internet-Anarchisten, belächelt und bewundert ihn zugleich für seine visionären Ideen und seinen latenten Hang zum Größenwahn. In der realen Welt hat er sich in den letzten Jahren rar gemacht, nur vereinzelt taucht er auf, bei Kongressen, Geschäftspartnern. Seine restliche Zeit verbringt er auf Sealand, widmet sich den wirklich wichtigen Dingen, unter dem sonoren Surren zahlloser Computer. Ryan Lackey arbeitet an der Verwirklichung einer Geschäftsidee. Seiner besten bisher, wenn man ihm Glauben schenken mag. "Secure Offshore Colocation" nennt er sie, was in etwa so viel bedeutet, wie "Sicheres Serverhosting, weit weg vom Festland". Auf gut Deutsch: Ryan Lackey bietet Internetserver an, über die sich Webseiten betreiben lassen. Nur eben nicht auf dem Festland, nicht in Großbritannien, in der Schweiz oder in Deutschland, sondern auf Sealand, einer der letzten Mikronationen der Welt.
Sealands bewegte Geschichte ist ebenso kurz wie kurios: Im zweiten Weltkrieg von den Engländern in der Nordsee gebaut, um angreifende deutsche Flugzeuge abzuwehren, wurde die Plattform, die "Roughs Tower" getauft worden war, nach dem Kriegsende aufgegeben und ihrem Schicksal überlassen. Doch "Roughs Tower" hatte noch nicht ausgedient: 1967 erreichte Paddy Roy Bates, der Betreiber eines in England illegalen Radiosenders, die Festung und erklärte sie für besetzt. Da sich die Plattform außerhalb der Dreimeilenzone und damit nicht mehr in britischen Hoheitsgewässern befand, blieb den Behörden zunächst nichts anderes übrig, als tatenlos zuzusehen, wie Bates die Festung "Sealand" taufte und sich und sein Frau zu Sealands Alleinherrschern ausrief - Fürst Roy und Fürstin Joan. Zwar versuchte die Royal Navy 1968, die beiden Monarchen gewaltsam von ihrem Eiland zu vertreiben, Bates jedoch feuerte einige Schüsse auf die sich nähernden Soldaten, die daraufhin unverrichteter Dinge abziehen mussten. Schließlich befand sich Sealand in internationalen Gewässern und nicht im Bereich britischer Jurisdiktion. Die folgenden Jahre blieben turbulent: Während der Zahn der Zeit gewaltig an der gigantischen Konstruktion aus Stahl und Beton nagte und sich der Rost langsam durch die Wände des kleinen Fürstenzimmers auf "Roughs Tower" zu fressen begann, "verabschiedete" Fürst Roy Sealands Verfassung, führte eigene Briefmarken, eine eigene, an den US-Dollar gekoppelte Währung ein und ließ letztendlich sogar Pässe drucken: Sealand war auf dem besten Weg zur unabhängigen Mikronation. Auch wenn dies von den umgebenden Staaten - allen voran Großbritannien - eher widerwillig aufgenommen wurde. Ein Umsturzversuch durch den von Fürst Roy selbst eingesetzten "offiziellen" Außenminister Sealands wurde 1978 von der fürstlichen Familie erfolgreich abgewehrt, die Putschisten bilden seit dieser Zeit eine Exilregierung, die an der Rechtmäßigkeit von Fürst Roy als alleinigem Befehlshaber über Sealand Zweifel hegen und die rostige Insel lieber als Steuerparadies sehen würden. Fürst Roy blieb standhaft und hielt an seiner Idee von Sealand als unabhängiger Mikronation fest, auch als Ende der 90er Jahre gefälschte Sealand-Pässe in größeren Mengen auftauchten und in Verbindung mit illegalen Machenschaften gebracht wurden. Wirtschaftlich freilich war Sealand nur wenig lukrativ: Ein wenig Fischfang war bis vor ein paar Jahren das einzige, was Sealand zu bieten hatte. Bis Ryan Lackey kam.
Das staubige, spärlich möblierte Empfangszimmer mit der überdimensionalen Sealand-Flagge an der Wand versprüht den antiquierten Charme der ersten James-Bond-Filme - fast mag man sich vorstellen, Blofeld, 007s ewiger Gegenspieler, säße auf dem speckigen Sofa, die weiße Perserkatze im Arm, ein süffisantes Lächeln im Gesicht: "Herzlich Willkommen, Mr. Bond. Sehen Sie sich ruhig ein wenig um, in meinem kleinen Reich." Wenige Meter unterhalb der Lounge, in einem der beiden hohlen Betonsäulen, auf denen Sealand ruht, sitzt Lackey und tippt Daten in seinen Laptop, neben ihm steht eine halbvolle Flasche Diät-Cola. Sieben Plattformen befinden sich insgesamt in den beiden Säulen, jede etwa 50 m2 groß. In den weißlackierten Metallregalen an den Wänden stehen und hängen Dutzende von vernetzten Computern, die Tag und Nacht in Betrieb sind. Doch Tageszeiten verschwimmen sowieso, im Neonlicht der fensterlosen Betonröhren, in denen die Luft schwül ist und es nach Elektronik riecht. Kein Zweifel: Es braucht gute Gründe, um seine Zeit hier zu verbringen, sehr gute Gründe.
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Und die liegen auf der Hand: Sealand ist, juristisch gesehen, "flexibler" als fast alle anderen, "normalen" Staaten. In Sealands Verfassung finden weder strikte Copyright-Gesetze, noch Verbote von Glücksspiel oder extremen politischen Verfassungen ihren Niederschlag. Anders ausgedrückt: Auf Sealand besteht die Möglichkeit, Internetgeschäfte aller Art "diskret" und vor allem legal zu tätigen - und das lassen sich die Kunden einiges kosten: 1500 Dollar muss man für einen Linux-Server auf Sealand pro Monat lockermachen. Doch auch WWW-Anarcho Lackey kennt moralische Grenzen - Kinderpornografie darf auch auf Sealands Servern nicht gehostet werden und auch das Versenden von Spam-Mails, also Massenmails mit Werbebotschaften, wird von seiner Firma nicht zugelassen. Über seine Kunden verliert er selbstverständlich kein Wort, gehört doch Diskretion zu den grundlegenden Maximen seiner Arbeit. Die Webseite der von China nicht tolerierten tibetanischen Exilregierung soll Gerüchten zufolge von Sealand aus gehostet werden - vielleicht aber auch nur, um dem Image des Geld scheffelnden skrupellosen Kapitalisten entgegenzuwirken, das Lackey anhängt. Ganz davon lösen wird er sich nicht können, schließlich war es zumindest Michael Bates', Fürst Roys einzigem Sohn und inzwischen Staatsoberhaupt von Sealand, ausdrücklicher Wunsch, das Fürstentum zu sanieren, finanziell, aber auch im wahrsten Sinn des Wortes: Ohne umfassende Renovierungsarbeiten dürfte Lackeys "Offshore Colocation" irgendwann in der rauschenden Nordsee untergehen - und mit ihm Sealand. Und das wäre dann doch schade: Ein wenig Anarchie und Idealismus muss schließlich sein, im Vereinigten Königreich.
Ein letzter Nervenkitzel bleibt übrigens: Erst kürzlich stellte Großbritannien einmal mehr die Unabhängigkeit Sealands in Frage und auch Rest-Europa dürfte nicht tatenlos zusehen, wenn die Zahl der nach EU-Recht illegalen Seiten, die auf "Roughs Tower" gehostet werden, überhand nimmt. HavenCo, die Firma, mit der Lackey vor einigen Jahren die Idee des sicheren Datenhafens entwickelte, hat sich aus diesen - und Gerüchten zufolge auch aus finanziellen - Gründen inzwischen von Sealand zurückgezogen. Lackey selbst, der das Unternehmen zuvor verlassen hatte, hält mit seiner neuen Firma "Metacolo" an seiner Geschäftsidee fest. Und mit ihr an der Idee einer nicht antastbaren "Autonomie der Daten".
"E mare libertas", aus dem Meer die Freiheit, heißt es in Sealands Nationalhymne. Wohin diese Freiheit führen wird, bleibt ebenso unklar, wie die Frage, wie lange Sealand noch als skurriler anarchischer Mikrokosmos existieren kann. Ginge es nach Ryan Lackey - es könnte ewig so weitergehen, das Leben auf der rostigen Plattform, im fensterlosen Betonrund, durch dessen massive Wände nur ganz selten das Rauschen der schäumenden Meeresgischt dringt. Und sollte Sealand eines Tages untergehen - Ryan Lackey hat mit Sicherheit einen Plan B parat, ein kleines Ein-Mann-U-Boot, ein propellergesteuertes Ultraleichtflugzeug, zur schnellen Flucht auf die Malediven oder irgendeine unbekannte kleine Insel im Pazifik, auf der Platz ist für ein gutes Dutzend Computer und einen etwas bleichen, aber an sich netten und zuvorkommenden Informatiker. Dann käme er auch endlich mal wieder an die Sonne.
MN 2005
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