MEX. Drei ???.

TEXT. > MEX 06/2004.   [08.03.2005]
Drei Detektive sollt ihr sein.
Die Drei ??? werden 25 - und erwachsen?
[Erschienen im MEX Musenalp Express 06/2004]

Machen wir uns nichts vor: Manchmal wünschen wir uns eine Welt, in der Dinge noch in Ordnung sind. In der die Zusammenhänge erschliessbar sind, die Zukunft in unseren Händen liegt und wir die Grossen, zumindest im Kleinen, an der Nase herumführen können. Wir wünschen uns dann manchmal einen Schrottplatz, ein anarchistisches Sammelsurium voll skurriler, wieder verwertbarer Dinge, und inmitten dieses kreativen Chaos ein Hauptquartier. Ein Hauptquartier, tief versteckt in Bergen voll aufgehäuften Altmetalls, mit geheimen Zugängen, deren ewiges Geheimnis von etwas geschützt wird, dessen Heiligkeit uns nur selten bewusst wird - einer guten, echten Jungenfreundschaft. Und wir wollen eine Visitenkarte, ein kleines, quadratisches Stück weissen Kartons, einseitig bedruckt mit unserer ebenso simplen, wie unabänderlichen Lebensphilosophie, die hell und klar erstrahlt wie einst Robin Hoods Paradigma der klassenfreien Gesellschaft. "Wir übernehmen jeden Fall" wird auf dieser Karte stehen, darüber drei verschiedenfarbige Satzzeichen. Drei Detektive wollen wir sein. Wenn's sein muss für immer.

Alfred Hitchcock, der nette alte Mann mit dem filmischen Feingespür für menschliche Niederungen und zwischenmenschliche Spannungen aller Art wird dann unsere Verbindung sein, unser Dreh- und Angelpunkt in die bizarre Filmwelt Hollywoods, in eine Welt voller mysteriöser Halbwelt-Kreaturen, singender Schlangen, flüsternder Mumien und heulender Werwölfe. Die Zeit bleibt stehen in Rocky Beach, irgendwann im Hollywood der glorreichen Fünfziger und Sechziger - daran ändern auch Hexenhandys und vergiftete Emails wenig: Im kuriosen Universum der Drei ??? bleibt alles beim Alten. Erzfeinde, wie Skinny Norris, werden auf- und wieder abtauchen, wie einst Sherlock Holmes ewig-böser Gegenspieler Moriarty. Kommissar Reynolds wird auch weiterhin seine Routineauftritte nur selten ohne ein lobendes Wort für unsere professionelle Detektivarbeit absolvieren. Und Blacky, der Super-Papagei aus Folge 1, wird auch in Zukunft heiser krächzen und einzelne Wortfetzen so lange wiederholen, bis wir ihm ein leicht genervtes, aber immer gut gemeintes "Ist ja gut, Blacky" zuzischen. Auch Papageien brauchen Zuwendung.

Justus Jonas, erster Detektiv und intellektueller Mittelpunkt, soll dann unser Anführer sein, unsportlich und übergewichtig, motorisch nicht sonderlich begabt, aber mit einem Gehirn ausgestattet, das selbst Meisterdiebe und brüllende Bergmonster zur baldigen Verzweiflung und hinter schwedische Gardinen bringt. Er wird es sein, der Recht und Ordnung im überschaubaren Rocky Beach wiederherstellt, doch allein geht das nicht. Wir brauchen den zweiten Detektiv, Peter Shaw, kräftiger, schneller, sportlicher, gelegentlich mit einer etwas langsameren Auffassungsgabe ausgestattet als unser erster und manchmal geradezu beseelt von einem nahezu kindlichen Aberglauben (erinnern wir uns nur einen Moment an Peters Grauen im neblig-kalten Gespensterschloss von Folge 11) - aber dennoch wichtig. Wichtig für die Exekutive des detektivischen Dreigestirns, wichtig als physische Komponente der gemeinen Verbrecherjagd. Peter kriegt sie alle. Und dann brauchen wir noch einen dritten. Einen dritten, der Hintergrundwissen besorgt, der Informationen sammeln und Namen zuordnen kann. Der eine Brille trägt und diese erst in den späteren Folgen durch Kontaktlinsen ersetzen wird. Der manchmal als ruhiger Gegenpol für die Handlungsfähigkeit des Teams sorgen kann, wenn mal wieder Peter ängstlich der Hysterie anheim fällt oder Justus Kombinationsgabe kurzfristig in subtile Arroganz auszuufern droht. Bob Andrews, seit Anbeginn zuständig für "Recherchen und Archiv", fahndet, in Bibliotheken, in Bergen voller alter Zeitungsschnippsel und vergilbter Telefonbücher, in der vielschichtigen und weit reichenden Vergangenheit jenes kleinen, spannenden Fleckchens an der amerikanischen Ostküste, dessen verborgene Geheimnisse auch in Zukunft nicht ausgehen werden.

Und wenn dann einmal mehr die Telefonlawine rollt, wenn einmal mehr jeder fünf Freunde anruft und diese dann wieder fünf Freunde anrufen, nur um eine Information zu erhalten, nur um zu erfahren, wer denn diese eine Person kennen könnte, um die es geht, wenn dann also die Schrottplatz-Zentrale wieder zum Mittelpunkt wird, zum Knotenpunkt geballter Information, dann sind wir alle Teil des Ganzen, dann warten wir alle auf das Klingeln des eigenen Telefons, warten wir alle auf einen erlösenden Satz, etwa einen wie: "Hast Du gestern eine Augustus-Büste aus Gips gekauft?". Oder "Skinny Norris, kennst Du den?". Die Zukunft wird ihn weisen, den Weg, den die Lawine gehen wird - denn schon bald werden wir wohl anstatt des klingelnden Telefons in unseren mit Spam verseuchten Postfächern eine E-mail entdecken, die unser aller Herzen höher schlagen lassen wird, eine schillernde Betreffzeile vorangehend: "Drei ??? brauchen Deine Mithilfe…".

Dann werden wir bereit sein, wir vierten Detektive, wir Mitratenden, Mitfiebernden, wir Gegruselten und Kombinierenden, erstaunt über eine unvorhergesehene Schlusskombination des ersten Detektivs, über eine logische Glanzleistung, dann lassen wir uns die Welt erklären von einem Teenager, von dessen Durchblick wir alle nur träumen. Peter wird ein verständnisloses "Wie meinst Du das?" in die Runde werfen, Blacky heiser und zustimmend krächzen, und Bob der erste sein, der Justus Folgerungen nachzuvollziehen in der Lage sein wird. Und wir werden zufrieden sein: Alles beim Alten in Rocky Beach. Noch immer kein wirklicher Grund vorhanden, TKKG gut zu finden, diese Pennäler-Truppe mit Quotenblondchen und Schokoladenfabrikanten- söhnchen. Diese Kinderclique in ihrem Kampf gegen Proto-Bösewichte mit rauher Stimme, Seemannstätowierungen und latentem Hang zur dümmlichen Gewaltbereitschaft. Ex-Tarzan Tim wird's ja doch wieder am Schluss mit den Fäusten richten, um danach von Gaby sein "Bussi" einzufordern und die ewig besserwissende Bohnenstange Karl mit einer Schlusspointe zu überraschen, die dieser nur mit bedingungsloser Zustimmung kontern kann.

Nein, pubertäres Wunschdenken und halbstarke Projektionsfiguren bleiben Domäne von TKKG, den vier "Profis in spe" und ihren halbgaren Bemühungen, die Welt mittels Judo von unterbemittelten Schlägertypen zu befreien. Die wirklich grossen Fälle, das gewaltige, mysteriöse, rätselhafte Verbrechen geschieht in Rocky Beach. Lachende Schatten, leere Gräber, Geisterschiffe - wovon Tim & Co nur träumen können, ist für uns Alltag: Drei Freunde wollen wir sein, auch in Zukunft. Perfekte Verbrechen erfordern perfekte Detektive. Die Sinne geschärft, die Augen und Ohren offen und die Visitenkarte immer greifbereit in der Hemdtasche: Wir übernehmen jeden Fall. Wenn uns Tante Mathilda mal nicht gerade den Hof fegen lässt.
MN 2004


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TEXT. > MEX 06/2004.   [14.03.2004]



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